Beyond Porter – Strategie in der Internet-Ökonomie
Die Werke des
amerikanische Wirtschaftswissenschaftlers und Harvard-Professors Michael E.
Porter gehören zu den Einflussreichsten ihres Faches – und zugleich zu den
meistdiskutierten. Mit seinen Büchern über Wettbewerbsvorteile auf Branchen- und globaler Ebene, die in den 80er Jahren entstanden, hat er das strategische
Management bis in die heutige Zeit hinein beeinflusst. Die auf Porter
zurückgehenden Modelle der Fünf Wettbewerbskräfte,
der Wertekette
und Porters Diamant gehören zum Standard der Managementwerkzeuge.
Innerhalb des letzten
Jahrzehnts und beeinflusst durch die sich entwickelnde Internet-Ökonomie wurden
Porters Ideen zunehmend in Frage gestellt. Die Kritik führt dabei an, dass sich
die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen inzwischen grundlegend geändert haben.
Der Siegszug des Internet und der vielfältigen E-Business-Anwendungen haben die
Dynamik nahezu aller Branchen stark beeinflusst.
Tatsächlich stellen
Porters Theorien auf die in den 80ern vorherrschende wirtschaftliche Situation
ab. Diese war gekennzeichnet durch starken Wettbewerb, zyklische
Konjunkturentwicklungen und ein relativ stabiles Marktumfeld. Porters Modelle
stellen hauptsächlich auf eine Betrachtung der aktuellen Situation (Kunden,
Lieferanten, Wettbewerber etc.) sowie auf vorhersehbare Entwicklungen (neue
Marktteilnehmer, Substitute) ab. Wettbewerbsvorteile ergeben sich danach aus
einer dauerhaften Stärkung der eigenen Position innerhalb des
Fünf-Kräfte-Systems. Damit können die Modelle nicht auf extrem dynamische
Entwicklungen oder Transformationsprozesse ganzer Branchen eingehen.
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Downes Drei Neue
Triebkräfte
Larry Downes, Co-Autor
von “Unleashing the Killer App: Digital Strategies for Market Dominance” geht
in seinem viel beachteten Artikel “Beyond Porter” davon aus, dass diese
Annahmen nicht mehr gültig sind. Downes identifiziert drei neue Triebkräfte,
die eine völlig neue strategische Herangehensweise erfordern: Digitalisierung,
Globalisierung und Deregulierung.
Digitalisierung:
Mit zunehmender Leistungsfähigkeit der Informationstechnologie haben alle
Marktteilnehmer Zugang zu ungleich umfangreicheren Informationen. Auf dieser
Basis können zudem völlig neue Geschäftsmodelle konzipiert werden, durch die
auch branchenfremde Marktteilnehmer die Grundlagen des Wettbewerbs in der Old Economy
nachhaltig verändern. Downes führt beispielsweise auf, dass die Errichtung virtueller
Shopping Malls, z.B. durch Telekommunikations- oder Kreditkartenunternehmen,
von einer traditionellen Wettbewerbsanalyse nach Porter mit ihrem Focus auf die
bestehenden Branchenstrukturen nicht erfasst werden kann.
Globalisierung: Der
technologische Fortschritt in den Bereichen Logistik/Distribution und Kommunikation
ermöglicht es heute nahezu jedem Unternehmen, auf globaler Ebene einzukaufen,
zu verkaufen und mit Partnern zu kooperieren. In gleichem Maße haben auch die
Endverbraucher die Möglichkeit, weltweite Preisvergleiche anzustellen und
günstige Produkte zu erwerben. Dadurch müssen sich auch bisher regional
orientierte mittelständische Unternehmen in einem globalen Umfeld einordnen, auch
wenn sie selbst nicht exportieren oder
importieren. Dieser Darlegung Downes’ ist hinzuzufügen, dass das globalisierte
und vernetzte Marktgeschehen auch veränderte Anforderungen an die strategische
Ausrichtung der Unternehmen stellt. Es genügt nicht mehr, sich nach Porter als
Preis- oder Qualitätsführer zu positionieren (Generische Strategien); vielmehr
ergeben sich Wettbewerbsvorteile und stabile Marktpositionen nun aus der
Fähigkeit, die mobiler gewordenen Kunden zu binden und weitreichende
Partner-Netzwerke zum gegenseitigen Vorteil zu gestalten und zu managen.
Deregulierung: In
der vergangen Dekade unterlagen insbesondere in den USA und Europa viele
Branchen wie Luftfahrt, Telekommunikation, Energieversorgung und Finanzwesen einem
Rückgang des Einflusses staatlicher Regulierungen. Dadurch und gefördert durch
die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie konnten in diesen Sektoren
traditionelle und neue Unternehmen ihre Tätigkeiten neu ausrichten. Diese
Entwicklung führte zu einer weitreichenden Restrukturierung traditioneller
Unternehmen durch Outsourcing, Abstoßung und Aufnahme von Geschäftsbereichen,
Neuordnung von Geschäftsbeziehungen und Allianzen etc.
Downes fasst zusammen,
dass der wesentliche Unterschied zwischen Strategien im Porter’schen Sinne und in
der von den neuen Triebkräften geprägten Welt in der Beurteilung der Rolle der
Informationstechnologie steht. In der Old Economy wurde Technologie
hauptsächlich als ein Werkzeug zur Umsetzung von Strategien und Veränderungen
betrachtet. Heute dagegen ist die Technologie selbst die wesentliche Triebkraft
für Veränderungen.
Kritik – Ist Porter
noch gültig?
Downes argumentiert
überzeugend. Tatsächlich sind in den letzten Jahren mit der Digitalisierung,
Globalisierung und Deregulierung neue Triebkräfte zur Wirkung gekommen, die von
Porters Theorien nur unzureichend einbezogen werden. In dem heutigen
Marktgeschehen, das sehr stark von dem rasanten Fortschritt der Informationstechnologie
geprägt ist, kann eine erfolgreiche Strategie nicht mehr allein auf Basis von
Porters Modellen entwickelt werden.
Wie von Shapiro und
Varian in „Information rules“ ausführlich dargestellt, sind die bekannten Gesetzmäßigkeiten,
die für Produkte und Dienstleistungen gelten, nicht uneingeschränkt auf die
nunmehr so wichtige Kategorie Informationsgüter übertragen werden. Ebenso wie
sich die Erzeugungsprozesse, Marketingbesonderheiten etc. für Produkte und
Dienstleistungen in einigen Ausprägungen unterscheiden, hat auch das Gut
Information eigene Charakteristika, die eine eigene Herangehensweise erfordern.
Wenn man aus alledem
jedoch schlussfolgert, dass Porters Modelle heute zur Strategiefindung nicht
mehr geeignet sind, muss man auch bedenken, dass eine Strategie nie nur auf
einigen ausgewählten Managementmodellen basieren sollte. Strategieentwicklung
muss stets auf einer sorgfältigen Analyse aller internen und externen Faktoren
sowie ihrer möglichen Veränderungen aufbauen. Dies ist keine neue Erkenntnis. Unabhängig
von der Transformation zur Informationsökonomie mit den von Downes
beschriebenen neuen Triebkräften wäre es in jedem wirtschaftlichen Umfeld ein
Fehler, eine Strategie nur auf Basis der Fünf Kräfte Analyse zu entwickeln.
Außerdem hat das jüngste
Umschlagen der Dot-com-Euphorie in zahlreiche Crashs schmerzhaft gezeigt, dass
die wirtschaftlichen Grundgesetze auch für die New Economy bzw. die
Informations-Ökonomie gelten. Genau darin liegt die dauerhafte Bedeutung von
Porters Modellen.
Porter ist
Wirtschaftswissenschaftler. Sein Modell der Fünf Kräfte basiert letztlich auf
den Gesetzen der Mikroökonomie, die es anschaulicher und allgemeiner darstellt:
Porter spricht von der
Attraktivität einer Branche, die durch die fünf Triebkräfte beeinflusst wird;
in der Mikroökonomie beeinflusst die Konstellation bzw. Ausprägung der Faktoren
die Gewinnmaximierung bzw. Monopolgewinne.
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Porters Fünf
Triebkräfte
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Teilgebiete der
Mikroökonomie
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Verhandlungsstärke
der Lieferanten
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Angebots- und
Nachfragetheorie, Produktions- und Kostentheorie, Preiselastizität
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Verhandlungsstärke
der Kunden
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Angebots- und
Nachfragetheorie, Konsumverhalten, Preiselastizität
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Konkurrenz zwischen
vorhandenen Wettbewerbern
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Marktstrukturen,
Anzahl der Marktteilnehmer, Marktgröße und –wachstumsraten
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Bedrohung durch
Substitute
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Substitutionsgesetz,
Substitutionseffekte
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Bedrohung durch neue
Wettbewerber
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Markteintrittsbarrieren
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Die Gültigkeit dieser
wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ist kaum in Frage zu stellen.
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Illustration am
Rande:
In einer Vorlesung,
an der die Autorin teilnahm, gab der Professor seine ganz persönliche Beurteilung
zu Porters Modellen zum Besten:
„Porters Fünf Kräfte
Modell ist banal. Das ist nichts als Mikroökonomie. Der Mann hat sich ein
paar Jahre in einer Bibliothek eingeschlossen und ein paar Unternehmen
analysiert und hat es dann geschafft, die ganze Mikroökonomie in einem
einzigen völlig simplen Modell zusammenzufassen.
Deshalb sind nun
alle anderen Wirtschaftswissenschaftler sauer auf ihn – weil sie sich ärgern,
dass ihnen selbst so etwas offensichtliches nicht eingefallen ist.“
... auch eine
Begründung, warum Porter so häufig kritisiert wird.
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Daher können Porters
Modelle trotz aller stattgefundenen und immer noch stattfindenden Umwälzungen
in den Branchenstrukturen und Geschäftsmodellen nicht gänzlich als veraltet
verworfen werden. Die Grundaussage, dass jedes Unternehmen in einem Gefüge aus
Lieferanten, Abnehmern, Substituten, Wettbewerbern und neuen Marktteilnehmern
agiert, ist für jede wettbewerbsbasierte Wirtschaftsordnung gültig. Auch heute
muss jedes Unternehmen, ob in Sektoren der New oder Old Economy, seine Produkte
bzw. Leistungen erzeugen und mittels eines herausragenden Paketes aus Preis,
Leistung und ergänzenden Serviceleistungen and den Kunden bringen. Auch ein
Online-Portal muss Content erzeugen oder einkaufen, diesen so aufbereiten, dass
er die Nutzer anspricht und Abnehmer für dieses Produkt finden – seien dies nun
Visitors oder Käufer von Werbeplätzen. Damit agieren alle Unternehmen
unverändert in dem Gefüge der von Porter beschriebenen fünf Kräfte.
Neu ist lediglich, dass
dieses Gefüge durch die von Downes beschriebenen Triebkräfte instabiler,
dynamischer und umfangreicher geworden ist. Unterstützt durch neue Technologien
können praktisch über Nacht neue Wettbewerber oder Substitute in einen Markt
eindringen, die auch bei sorgfältiger Beobachtung nicht vorhersehbar waren. Die
Unternehmen müssen ihre Strukturen, Prozesse, Geschäftsmodelle und Strategien
dieser veränderten Dynamik anpassen. Deshalb ist es jedoch nicht weniger
wichtig, auch weiterhin z.B. die eigene Verhandlungsposition gegenüber
Lieferanten und Kunden zu analysieren und ggf. positiv zu beeinflussen. Daran
ändert auch die Tatsache nichts, dass die Einflussmöglichkeiten heute weit über
die traditionellen
Maßnahmen hinausgehen. In Gegensatz zu den auf dem Wettbewerbsgedanken
basierenden Abwehrmaßnahmen gewinnen nunmehr Kooperationen zum beiderseitigen
Vorteil an Bedeutung. Diese können von losen Netzwerken über Partnerschaften
zur Etablierung gemeinsamer Standards bis zu strategischen Allianzen eine
breite Palette umfassen.
Mehr als in den
vergangenen Jahren sind Porters Theorien damit ein „Gerät“ aus dem
Werkzeugkasten des strategischen Managements, das nicht einzeln benutzt werden
sollte. Im Zusammenspiel mit anderen traditionellen und neuen
Managementtechniken können diese Modelle jedoch nicht pauschal als veraltet
verworfen werden.
Downes Kritik an Porter
enthält implizit den Vorwurf, dass Porters Modelle zu stark auf die
wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit zugeschnitten sind. Sie
sind demnach bei einem veränderten Umfeld nicht oder nur noch begrenzt
aussagefähig.
Hier ist zu ergänzen,
dass auch die von Downes beschriebenen drei neuen Triebkräfte aus den aktuellen
Verhältnissen unserer Zeit abgeleitet sind. In einigen Jahren oder Jahrzehnten
werden diese Triebkräfte an Bedeutung verloren haben, während andere – heute noch
nicht absehbare – Entwicklungen die treibende Rolle übernehmen.
Als die nachhaltigste von
Downes’ Triebkräften ist die Digitalisierung anzusehen. Das Gut „Information“
nimmt eine immer stärkere Bedeutung im Wirtschaftskreislauf ein. Es wird immer
wieder bahnbrechende technologische Neuerungen geben, die ganze Wirtschaftszweige
transformieren können.
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Moores Gesetz:
Alle 18 Monate verdoppelt
sich die technisch mögliche Prozessorleistungsfähigkeit, ohne dass sich die
Herstellungskosten der Prozessoren erhöhen.
Metcalfes Gesetz:
Der Nutzwert eines
Netzwerkes steigt im Quadrat zur Anzahl seiner Nutzer.
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Die Globalisierung und
Deregulierung sind jedoch typische Triebkräfte der Gegenwart. In einigen Jahren
(ganz bewusst: keine Prognose, wann) werden die Regierungen soweit dies objektiv
überhaupt sinnvoll ist, die Regulierungen des Wirtschaftsgeschehens abgebaut
haben. Danach ist dann (fast) nichts mehr zu deregulieren. Die mit dieser
Entwicklung verbundenen Transformationsprozesse werden irgendwann einmal
abgeschlossen sein.
Ähnlich ist die
Globalisierung zu beurteilen. Es ist zu erwarten dass sich irgendwann einmal –
gefördert durch leistungsfähigere Informationstechnologien und gezwungen durch
das Wirtschaftsgeschehen – auf ein Agieren im globalen Umfeld eingestellt
haben. Diejenigen, die das nicht tun, werden nicht am Markt bestehen können.
Wenn dieser Punkt erreicht ist, wird globales Denken für die Unternehmer so
selbstverständlich sein wie heute schon die Kostenkontrolle. Entscheidende
wirtschaftliche Veränderungen durch Globalisierung sind dann nicht mehr zu
erwarten.
Zusammenfassend ist
festzustellen, dass Porters Modelle in der heutigen Informationsökonomie nicht
mehr die Bedeutung haben, wie zu ihrer Entstehungszeit. Es sind neue Gesetzmäßigkeiten
aufgetreten und die Märkte werden heute von anderen Triebkräften beeinflusst
als damals. Das bedeutet jedoch nicht, dass Porters Theorien ungültig geworden
sind. Sie müssen heute lediglich mit dem Wissen um ihre Grenzen benutzt werden
und sollten durch ein möglichst breites Gerüst aus anderen Modellen, Techniken
und Denkansätzen ergänzt werden. Ein solches Vorgehen wiederum, ist für die
Benutzung jedes Modells – Porter oder nicht und brandneu oder nicht – in jedem
wirtschaftlichen Umfeld anzuraten.
© Dagmar Recklies, April
2001
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Literaturhinweise:
Larry Downes: Beyond Porter. In Context
Magazine. Verfügbar unter http://www.contextmag.com/setFrameRedirect.asp?src=/archives/199712/technosynthesis.asp
Dagmar Recklies: Managementmodelle
– was sie können und was nicht. Verfügbar unter http://www.themanagement.de/Ressources/Managementmodelle.htm
Dagmar Recklies: Porters fünf
Wettbewerbskräfte. Verfügbar unter http://www.themanagement.de/Ressources/P5F.htm
Downes, L.
& Mui, Ch.: Auf
der Suche nach der Killer- Applikation. Mit digitalen Strategien neue Märkte
erobern. (Original: Unleashing the Killer App: Digital Strategies for Market Dominance)
Shapiro, C. & Varian,
H.: Online
zum Erfolg. Strategie für das Internet-Business. (Original: Information
Rules)
Porter, M.:
Wettbewerbsstrategie.
(Original: Competitive Strategy)