|
Eine überschaubare
Liste denkbarer Zielpersonen.
Die übliche
Vorstellung von Zielperson (bzw. Zielgruppe) lautet: Der (bzw. die)
Verbraucher, der (bzw. die) Konsument(en). Diese Vorstellung herrscht
auch in den Büchern zu Marketing und Werbung vor. Die unterschiedlichen
Formen bezahlter Kommunikation von Unternehmen und
Nonprofit-Institutionen richten sich an unterschiedliche
Personengruppen, aber deren Anzahl ist erstaunlich überschaubar.
Stellen wir uns
das Ganze als eine Art Matrix vor:
Dann stehen auf
der einen Seite wir: Entweder ein Unternehmen (Verkäufer) oder eine
Nonprofit-Institution („Verkäufer“).
Auf der anderen
Seite steht unsere Zielperson: Ein Käufer oder „Käufer“, von dem wir auf
die unterschiedlichste Weise etwas wollen (und der dafür etwas von uns
will). Unser Gegenüber ist entweder reale Zielperson, zum Beispiel Kunde
oder Mitglied, oder potenzielle Zielperson, zum Beispiel
Noch-nicht-Kunde oder –Mitglied -eine wichtige Unterscheidung.
Die Liste
denkbarer Zielpersonen lässt sich auf eine simple Vierer-Typologie
herunterkochen:
1. Wir verkaufen
und „verkaufen“ an: Endabnehmer (Kunden, Verbraucher, Konsumenten,
Klienten, Patienten, Gäste, Besucher, Teilnehmer, Mieter, Pächter,
Lizenznehmer), Mittler (Groß- und Einzelhändler, Vertretungen, Empfehler),
Klientel (Mitglieder, Spender, Sympathisanten, Bürger, Wähler).
2. Wir kaufen und
„kaufen“ von: Lieferanten, Mitarbeiter (angestellt, frei, ehrenamtlich),
Geldgeber (Teilhaber, Aktionäre, Banken, Fonds, Mitglieder, Spender).
3. Wir als
Organisation sind angewiesen auf: Politik, Behörden, Verbände,
Nachbarschaft.
4. Unsere
Kommunikation braucht als Multiplikatoren: Die Medien.
Die kompakte
2x4-Liste macht es deutlich: Wir und unser Gegenüber befinden uns immer
in der Doppelrolle des Anbieters und Nachfragers. Andernfalls kommt
keine Kommunikation zustande. Die Sicht des einen Kommunikationspartners
ist das Spiegelbild zur Sicht des anderen Kommunikationspartners. Hier
zeigt sich dieser ständige Rollenwechsel des Gebens und Nehmens, der uns
nach einem Jahrhundert klassischer Verhaltenstheorie häufig Probleme
macht.
Gewöhnungsbedürftig ist auch die Vorstellung, dass die Regeln des
Kaufens und Verkaufens Eins zu Eins für das „Kaufen“ und „Verkaufen“
der Nonprofit-Institutionen gelten. Was ist zum Beispiel die
Rollenverteilung zwischen Amnesty International und einem Spender, oder
zwischen dem Rathaus und unserer Unternehmensleitung? Was „kaufen“ und
„verkaufen“ sich beide Seiten gegenseitig?
Die Liste enthält
nicht die breite Öffentlichkeit oder ähnliches aus dem Wörterbuch von
Image-Werbung, Corporate Communications und Öffentlichkeitsarbeit. Man
kann Zielpersonen zu Zielgruppen, mehrere Gruppen zu einer Gesamtzahl
addieren – eine breite Öffentlichkeit entsteht dadurch nicht. Der größte
Teil der Bevölkerung ist für ein Unternehmen oder eine
Nonprofit-Institution uninteressant. Eine Botschaft für die breite
Öffentlichkeit ist für die einzelne Zielperson uninteressant.
Die Zielgruppe
„breite Öffentlichkeit“ gibt es nicht.
Woher wissen wir,
was unsere Zielperson von uns will?
Eine Zielperson
ist das Image, das wir uns von einem Menschen machen, den wir nie
persönlich kennenlernen werden. Das Gegenstück zu dem Image, das sich
die Zielperson von uns macht. Beides ein hochkarätiges Konstrukt.
Je besser das
Image, das wir uns von dieser Person machen, desto besser können wir auf
sie rückkoppeln. Zunächst wissen wir über sie nur das: Wir haben etwas,
was sie brauchen kann, sie kann etwas brauchen, was wir haben.
Andernfalls wäre sie nicht Zielperson. Woher nehmen wir alle weiteren
Informationen für unser Konstrukt?
Wenn wir aus der
kreativen Ecke kommen, kann uns die Zielperson egal sein. Wir
kommunizieren für uns und unsere Szene.
Wenn wir aus der
verhaltenswissenschaftlichen Ecke kommen, beziehen wir unsere
Informationen aus der Theorie, die wir gelernt haben, und aus dem, was
wir in der Praxis dazugelernt haben.
Von Fall zu Fall
beziehen wir unsere Informationen aus der Forschung. Die Forschung folgt
der Theorie, und umgekehrt. Forschung und Theorie folgen der Praxis, und
umgekehrt. Vor allem in Marketing und Werbung liegen Praxis, Theorie und
Forschung eng beieinander.
Die traditionelle
Marktforschung hat den behavioristischen Sender-Empfänger-Blick. Es ist
der Blick des Versuchsleiters auf die Versuchsperson, oft genug der
Blick des Experimentators auf die Laborratte. Die Leute werden
beobachtet, befragt und Experimenten unterzogen. Zum Einsatz kommen
Tests, die anderswo als Intelligenztests dienen, und Apparate, die
anderswo Lügendetektor genannt werden.
Zu den beiden
entscheidenden Ereignissen zwischen uns und unserer Zielperson -
zunächst Kontakt, dann Kauf - trägt die Forschung wenig bei. Der Kontakt
wird durch den Forscher hergestellt, nicht durch ein
Kommunikationsmittel. Die Kontaktaufnahme durch den freilaufenden Käufer
wird dadurch ausgeblendet. Andererseits betreiben Theorie und Praxis
geradezu einen Kult um Aufmerksamkeit und Auffallen. Ebensowenig sind
Kauf und „Kauf“ ein Thema. Wenig in der Forschung lässt darauf
schließen, dass dieses Ereignis einzig und allein das Ziel der
Kommunikation ist.
Solange sich die
Forschung nicht von ihrem traditionellen Menschenbild trennt, kommt sie
der Zielperson nicht näher.
Beobachtung,
Befragung und Experiment sind die drei Grundformen der Forschung, wie
sie in den Büchern stehen.
Forschung, die auf
dem konstruktivistischen Menschenbild beruht, ist auf das Gegenüber
ausgerichtet. Und sie ist den Umgang mit Konstrukten wie „Zielperson“
und „Skript“ gewohnt. Das passende Wort dafür ist „Gedankenexperiment“.
Darunter versteht man das gedankliche Durchspielen eines Experiments mit
dem Ziel, Erkenntnisse zu gewinnen, die mit einem realen Experiment
nicht zu gewinnen sind. Beim Dritten Weg ist das Gedankenexperiment ein
konstruktivistisches, empathisches im-eigenen-Kopf-Durchspielen dessen,
was im Kopf der Zielperson abläuft.
Der Behaviorist,
der nichts außer dem realen Experiment zulässt, hat mit dem virtuellen
Experiment ein Problem. Albert Einstein, dessen Welt ein einziges
konstruktivistisches Experiment ist, hätte mit realen Experimenten ein
Problem gehabt.
Weiter zu Teil 3
|