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Was Marketingmanager von der Neuro-Psychoanalyse lernen
können
Von Dr. Volker Halstenberg
Geiz ist geil. Marken sind geiler! Vorausgesetzt, sie
sind passgenau auf das ICH-IDEAL der Zielgruppe oder Zielperson zugeschnitten
und erfinden sich ohne Identitätsbruch immer wieder neu. ICH-IDEAL-Satisfactioning
und dynamische Stabilität sind zwei wesentliche Erfolgsbausteine für dauerhaft
begehrenswerte und profitträchtige Marken. Der Beitrag soll Unternehmen helfen,
ihr Marken-Management zu optimieren und folglich Marken- und Unternehmenswert zu
maximieren.
Obwohl der 1856 im mährischen Freiberg geborene revolutionäre Denker das Bild
vom Menschen so nachhaltig geprägt hat wie kaum ein anderer und seine
Erkenntnisse Einzug in alle möglichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen
Bereiche gefunden haben, er also niemals mausetot war und vermutlich auch nie
sein wird, kann man doch nach seinem 150-jährigen Geburtstag von einer
naturwissenschaftlichen Renaissance der Freudschen Psychoanalyse sprechen. Zu
verdanken hat sie es der modernen Hirnforschung, die mit sogenannten
Bildgebenden Verfahren (funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie,
Computer-Tomographie, Positronen-Emissions-Tomographie, dazu weiter unten) einen
Echtzeit-Blick in unsere neuronale Schaltzentrale ermöglicht und dabei viele
Erkenntnisse des psychoanalytischen Altmeisters bestätigt hat.
Zum Beispiel:
- dass das bewusste ICH, der pseudo-rationale Steuermann, selten Herr im Hause
ist, wenngleich er das gerne vorgibt.
- dass das Unbewusste (ES) maßgeblichen Einfluss auf unser Denken, Fühlen und
Handeln hat. Über 90 Prozent unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen laufen
unbewusst ab!
- dass Träume eine wichtige psycho-hygienische Funktion haben. Ohne die Hilfe
des Unbewussten und ohne die >reinigende< Funktion unserer Träume wäre der
Mensch gar nicht überlebensfähig.
- dass die frühkindlichen Lebensjahre entscheidenden Einfluss auf das
kognitiv-affektive Erleben und Verhalten des Erwachsenen haben. In jedem von uns
lebt das Kind, das wir einst waren.
Die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Hirnforschern und Psychoanalytikern
wird zu höchst fruchtbaren Ergebnissen führen, die letztlich nicht nur der
therapeutischen, sondern auch der Marketingpraxis zugute kommen.
Die zunehmende Annäherung beider Disziplinen zeigt sich u. a. an der jüngst von
renommierten Neurowissenschaftlern ins Leben gerufenen Fachzeitschrift >Neuro-psychoanalysis<
sowie an diversen Buchpublikationen, etwa von Mark Solms und Eric Kandel. Kandel
betrachtet, ebenso wie der Neurobiologe Gerhard Roth, die Freudsche
Psychoanalyse als das schlüssigste Modell des menschlichen Geistes.
Umso verwunderlicher, dass wirtschaftswissenschaftliche Disziplinen immer noch
von der hanebüchenen Fiktion eines durch und durch rational handelnden >homo
oeconomicus< ausgehen.
Mir ist, als wohnten ach! vier Seelen in
meiner Brust
Der Mensch ist alles andere als ein rational handelndes Wesen. Er ist ein >homo
quadri-fidus<: er hat vier Seelen (neurokybernetisch würde man von funktionalen
Subsystemen sprechen) in seiner Brust, die oft im Clinch miteinander liegen,
innere Kämpfe austragen, weil jede Seele (jedes Subsystem) eigene
Wertvorstellungen hat, nach eigenen Gesetzmäßigkeiten operiert und eigene Ziele
verfolgt.
Freud nannte diese vier psychischen Subsysteme ES, ICH, ÜBER-ICH und ICH-IDEAL.
Abbildung: Der quadrophone Mensch
Copyright: Volker
Halstenberg
ES ist die Sphäre des Unbewussten,
der archaischen Verhaltens-Erbschaft unseres Stammhirns, der Leidenschaften und
Lebenstriebe, aber auch der aggressiven und destruktiven Impulse, die wir
normalerweise hinter Schloss und Riegel zu halten, zu verdrängen und zu
unterdrücken versuchen.
ICH ist der pseudo-rationale
Steuermann, der uns tagein tagaus durch die Welt dirigiert, stets abwägend
zwischen inneren Notwendigkeiten und externen Möglichkeiten.
ÜBER-ICH ist das Gewissen, der
innere Richter und Zuchtmeister, der über die Zulässigkeit von Gedanken,
Aussagen, Handlungen, Erlebnissen bestimmt. Über-ICH traktiert uns bevorzugt mit
Schuldgefühlen und Ähnlichem, wenn wir seine ethisch-moralischen Ansprüche nicht
erfüllen.
ICH-IDEAL ist der Ästhetiker, der
Narzisst, der Perfektionist in uns allen. In unserem ICH-IDEAL erleben wir
allerlei Vollkommenheits- und Zukunftsvisionen, die unsere innigsten Wünsche
(auch Produktwünsche) erfüllen.
Wer möchte, kann sich die vier interagierenden Systeme als leibhaftige
Diskussionsrunde vorstellen, in der ein bodenständiger Manager (ICH), ein
strenger Moralapostel (ÜBER-ICH/Gewissen), ein vollkommenheitsverliebter
Narzisst (ICH-IDEAL) und ein hedonistischer Naturbursche (ES) mal mehr, mal
weniger hitzig um die Führungsrolle ringen.
Fragt man nach dem „Sitz“, also der neuroanatomischen Verortung der vier
Psycho-Systeme, so muss zunächst einmal gesagt werden, dass es sich weniger um
einzelne Lokalitäten als um neuronale Interaktions- oder Netzwerkstrukturen
handelt, die über verschiedene Hirnareale verteilt sind und sich - wie könnte es
anders sein - oft überschneiden. Dementsprechendes zeigt auch obige Abbildung.
Das ES domisziliert wohl vornehmlich im limbischen System. Dieser
evolutionsgeschichtlich ältere Hirnbereich, der Liebe, Triebe, Leidenschaft und
Aggressionen steuert, umfasst u. a. basale Vorderhirn-Nuclei wie den Nucleus
accumbens (gilt als „Belohnungszentrum“, bei Drogen- und Spielsüchtigen geht von
diesem Nucleus der Drang/Zwang zur ewigen Repetition aus), den Hypothalamus, den
anterioren und dorsomedianen Nuclei des Thalamus und die Amygdala.
Auch das ICH können wir teilweise im basalen Vorderhirn ansiedeln, dessen
posteriore Hälfte für die Aufnahme, Analyse und Speicherung von Informationen
und dessen anteriore Häfte für Programmierung, Regulierung und Kontrolle von
Aktivitäten zuständig ist. Das die posteriore und die anteriore Hälfte durch
Feedbackschleifen verbunden sind, muss kaum erwähnt werden. Von existenzieller
Bedeutung für ein funktionsfähiges ICH ist auch der seepferdchen-förmige
Hippocampus (Gedächtnis, Lernen), der übrigens noch zum limbischen System
gehört.
Das ÜBER-ICH mit seinem Operationscode gut/böse lokalisiert Antonio Damasio im
Stirnhirn hinter den Augen; in dessen Bereich laut Vittorio Gallese auch die
sogenannten Spiegelneurone liegen. Für die macht es keinen Unterschied, ob wir
Handlungen selbst ausführen oder bei anderen beobachten. Bildgebende Verfahren
(siehe unten) zeigen, dass das bloße Beobachten des Verhaltens anderer neuronale
Resonanzen erzeugt. Spiegelneurone helfen uns, andere Menschen zu verstehen und
ihr Verhalten und Fühlen vorauszusagen. „Ich weiß, was du tun wirst.“ „Ich
fühle, was du fühlst“. Ohne Spiegelneuronen gäbe es vermutlich kein empathisches
Einfühlungsvermögen in andere Menschen und kein Mitleid.
Das ICH-IDEAL, an dem das Ich sich mißt, dem es nachstrebt, dessen
Ansprüche auf immer weitergehende Vervollkommnung es zu erfüllen bemüht ist
(Freud), könnte als ein reziprokes Neuronen-Ensemble irgendwo zwischen Lobus
frontalis und bestimmten Bereichen des amygdaloiden Systems betrachtet werden,
das vornehmlich mit sogenannten Metarepräsentationen arbeitet, also im Sinne
eines Beobachters 2. Ordnung den Beobachter erster Ordnung, das Exekutiv-Organ
ICH, kontinuierlich
im Auge behält,
dessen Repräsentationen auf einer höheren Ebene noch einmal repräsentiert, nach
bestimmten Kriterien bewertet (ästhetisch, narzisstisch, perfektionistisch oder
was auch immer) und durch verstärktes Feuern in seinem Sinne zu steuern sucht.
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