Unternehmensstrukturen im Überblick
Was bestimmt die Unternehmensstruktur?
Die Struktur eines Unternehmens ist von einer Vielzahl von Faktoren
abhängig. Die Managementtheorie des 20. Jahrhunderts wurde über lange Zeiten
von dem „One Best Way“-Ansatz dominiert. Demnach gibt es eine richtige und
(mehrere) falsche Strukturen für ein Unternehmen. In den letzten Jahren hat
sich diese Einstellung jedoch zu einem „Es hängt davon ab“-Ansatz gewandelt,
der auch als „Contingency Theory“ bekannt ist. Darin wird anerkannt, dass sich
die Unternehmensstruktur an der konkreten Situation des Unternehmens orientieren
sollte: Alter, Größe, Art der Fertigungssysteme, Branchengegebenheiten,
Komplexität und Dynamik des Umfeldes usw.
Eine weitere Entwicklung fand in der Überlegung statt, inwieweit sich
die Struktur aus der Strategie ergibt. Mintzberg erklärt die gegenseitige
Abhängigkeit von Strategie und Struktur wie folgt:
„Die Struktur folgt der Strategie nicht mehr als beim laufen der linke
Fuß dem rechten folgt. Beide sind voneinander abhängig und beeinflussen sich
gegenseitig. In manchen Situationen geben sich Unternehmen eine neue Struktur,
um eine veränderte Strategie umsetzen zu können. Allerdings wird die Auswahl
einer neuen Strategie auch von den Gegebenheiten, Grenzen und Möglichkeiten der
bestehenden Struktur bestimmt.“
Der Zusammenhang zwischen Alter des Unternehmens und seiner
Organisationsstruktur ist leicht nachvollziehbar. Ein Start-up kommt mit
relativ einfachen, oft informellen Strukturen aus, während wachsende
Unternehmen die zunehmende Komplexität der Funktionen, Produkte, Märkte etc.
nur noch durch eine strukturierte Arbeitsteilung beherrschen können.
In Abhängigkeit von Alter bzw. Wachstum kann sich folgende Entwicklung
der Unternehmensstrukturen ergeben – muss jedoch nicht notwendigerweise.

Konkret zeigt der Zusammenhang zwischen Alter bzw. Größe und
Unternehmensstrukturen folgende Ausprägungen:
·
Je älter und größer das Unternehmen ist, umso formaler
verhält es sich: das „haben wir alles schon mal gehabt“-Syndrom; ältere und
größere Unternehmen wiederholen ihr Verhalten und formalisieren wiederkehrende
Prozesse.
·
Je größer das Unternehmen ist, umso ausgefeilter sind
seine Strukturen: es entstehen spezialisierte Funktionen und Bereiche sowie
Verwaltungsprozesse; dies führt zu höherer Spezialisierung und Effektivität,
aber auch zu höherem Koordinationsbedarf.
·
Je größer das Unternehmen ist, umso größer ist die
durchschnittliche Abteilungsgröße
·
Die Unternehmensstruktur spiegelt das Alter der
Branche wieder: Eine etwas überraschende Feststellung. Doch einige Beispiele
verdeutlichen das: Tatsächlich ist ein kleiner familiärer Handwerksbetrieb
heute noch ganz ähnlich strukturiert wie vor Jahrhunderten. Die großen
Automobilhersteller weisen – natürlich mit unterschiedlicher individueller
Ausprägung – alle ähnliche Unternehmensstrukturen auf. Ein Blick auf die
Webseiten der Big5-Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschafen
zeigt, dass sie alle ihr Geschäft (mindestens) zweidimensional strukturieren:
nach Leistungen (i.d.R. Prüfung, Unternehmensberatung, Steuerberatung,
HR-Beratung, Corporate Finance) und nach Branchen (mit unterschiedlichen
Bezeichnungen und unterschiedlich tiefen Gliederungen; i.d.R. mindestens
Automobil, Energie, Finanzdienstleistungen, öffentlicher Sektor,
Technologie/IT/Telekommunikation)
(nach Mintzberg)
Weiterhin ist die Organisationsstruktur eines Unternehmens tendenziell
auch von externen Faktoren abhängig:
·
Je dynamischer das Umfeld ist, umso organischer und
flexibler ist die Struktur: Unter stabilen und vorhersehbaren Verhältnissen
kann das Unternehmen durch Wiederholung und Standardisierung feste Strukturen
bilden. Wenn das Umfeld jedoch dynamisch ist und somit vom Unternehmen ständige
Veränderungen verlangt, muss die Struktur flexibel genug für Koordinations- und
Anpassungsprozesse sein.
·
Je komplexer das Umfeld ist, umso dezentralisierter
ist die Struktur. In einer komplexen Umgebung werden Entscheidungen von einer
derartigen Vielzahl an Faktoren bestimmt, dass Befugnisse weitgehend an
spezialisierte und dezentralisierte Einheiten verlegt werden.
·
Je diversifizierter die Märkte des Unternehmens sind,
umso größer ist die Tendenz zur Aufspaltung in marktbasierte (regionale oder
produktbezogene) Einheiten. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass jeder
Teilmarkt groß genug ist, um wirtschaftliche Skaleneffekte zu ermöglichen.
·
In extrem aggressiven Umgebungen tendieren Unternehmen
zumindest zeitweise zu zentralisierten Strukturen. Durch engste
Koordinationsmechanismen kann ein kleines Führungsteam schnell und koordiniert
auf die externen Entwicklungen reagieren.
Überblick über häufige
Unternehmensstrukturen
Im folgenden werden die gebräuchlichsten Organisationsstrukturen kurz
vorgestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung ihrer Vor- und
Nachteile.
Einfache Form
Der Name ist Programm. Diese typische Form von Start-ups und
Klein(st)unternehmen ist gerade durch das Fehlen jeglicher formeller Strukturen
gekennzeichnet. Das gesamte Unternehmen wird von einem kleinen Managementteam –
meist die Gründer oder Eigentümer – dominiert, das sämtliche Entscheidungen
trifft.
Diese Struktur ermöglicht eine hohe Flexibilität und Dynamik und
begründet somit eine wesentliche Stärke vieler Kleinunternehmen. Wenn das
Unternehmen jedoch wächst, kann das Fehlen von Organisationsstrukturen schnell
zu einer Führungskrise beitragen, da das Managementteam mit der Koordination
und Entscheidung über sämtliche Aktivitäten völlig überlastet wird. (vgl.
Greiners Modell der Fünf Phasen des Wachstums).
Funktionale Struktur
Unabhängig von Produkten oder Märkten gliedert sich das Unternehmen
nach Funktionen wie Fertigung, Vertrieb, Finanzen etc.

Vorteile:
·
Höhere Effektivität bei Routinetätigkeiten
·
Höhere Spezialisierung und Ausbildung von
Expertenwissen
·
Fördert Erfahrungskurveneffekte
·
Gut geeignet für selbständige Unternehmen mit einem
überschaubaren Produktprogramm
·
Ermöglicht zentralisierte Entscheidungsfindung und
Unternehmenssteuerung
Nachteile:
·
Koordination und Abstimmung zwischen den Funktionen
kann problematisch sein.
·
Gefahr der Überspezialisierung („Fachidioten“)
·
Verantwortung konzentriert sich allein auf die
Unternehmensleitung
·
Fördert die Konzentration auf den eigenen Bereich, der
gegen andere Bereich verteidigt wird
·
Fördert Rivalitätsdenken zwischen den Funktionen
·
Uneffektiv bei einem breiten und diversifizierten
Leistungsspektrum
Produktlinienstruktur
Hier sind die Aktivitäten des Unternehmens nach Geschäftsbereichen bzw.
Produktgruppen geordnet.

Vorteile:
·
Verantwortlichkeit für die Geschäftsbereiche ist näher
am direkten Umfeld der Bereiche angesiedelt.
·
Die Unternehmensleitung wird von produktbezogenen
Problemen belastet und kann sich auf Aufgaben konzentrieren, die das
Gesamtunternehmen betreffen.
·
Ergebnisverantwortlichkeit liegt bei den Verantwortlichen
für die Geschäftsbereiche.
·
Jeder Geschäftsbereich kann seine Aktivitäten auf
seine Kernsgeschäfte fokussieren.
Nachteile:
·
Duplizierung bestimmter Aufgaben.
·
U.U. Rivalität und Konkurrenzdenken zwischen den
Bereichen.
·
Unternehmensleitung kann direkten Kontakt zum
eigentlichen Geschäft verlieren.
·
Abgrenzungsproblem, welche Aufgaben zentralisiert oder
dezentralisiert werden sollten.
·
Gefahr starker Bürokratie und hoher
Verwaltungsaufwendungen.
Geografische Struktur
Diese Organisationsstruktur ist ähnlich wie die produktbezogene
Struktur aufgebaut. Sie ordnet die Aktivitäten des Unternehmens jedoch nach
regionalen Teilmärkten.

Vorteile:
·
Strategien können auf die regionalen Besonderheiten
der einzelnen Teilmärkte zugeschnitten werden.
·
Ergebnisverantwortlichkeit wird den Marktbereichen
zugeordnet.
·
Vorteile einer Tätigkeit vor Ort können genutzt
werden.
·
Funktionale Koordination mit den Zielmärkten wird
verbessert.
Nachteile:
·
Die Zentrale muss ständig die regionale Vielfalt mit
einheitlichen unternehmensweiten Standards verbinden.
·
Erfordert zusätzliche Hierarchieebenen.
·
Duplizierung bestimmter Aufgaben auf lokaler und
zentraler Ebene
·
Die Gestaltung eines einheitlichen Unternehmensimages
bzw. Corporate Identity ist schwierig.
Die Matrix-Struktur
Diese Struktur kombiniert Verantwortlichkeiten, die nach verschiedenen
Strukturmerkmalen gegliedert sind, z.B. nach Funktionen, Regionen oder
Produktgruppen.

Vorteile:
·
Fördert die Berücksichtigung verschiedner Elemente der
Unternehmensstrategie.
·
Schafft Kontrolle und Ausgleich zwischen
unterschiedlichen Standpunkten.
·
Fördert in stark diversifizierten Unternehmen die
Entwicklung funktionsbasierter Kompetenzen.
·
Fördert die Zusammenarbeit verschiedener Bereiche.
Nachteile:
·
Sehr komplex, schwer zu leiten
·
Die Balance zwischen verschiedenen Kompetenzlinien
kann schwer zu bestimmen sein.
·
Geteilte Kompetenzen fördern langwierige
Entscheidungsprozesse.
·
Schwierig, schnell und entschieden zu handeln.
·
Kann zu starker Bürokratie führen.
·
Fördert Kompromisslösungen
·
Fördert Delegation von Entscheidungen und
Verantwortungen.
·
An wen soll Bericht erstattet werden?
Die Holding-Struktur
Diese Struktur tritt insbesondere in stark diversifizierten Konzernen
auf, in denen das Mutterunternehmen sich auf sehr wenige administrative
Tätigkeiten konzentriert.

Vorteile:
·
Geringe Gemeinkosten der zentralen Verwaltung.
·
Möglichkeit der Steuerung des Verlustausgleichs innerhalb
der Gruppe je nach vertraglicher Gestaltung.
·
U.U. günstigere Finanzierungsmöglichkeiten für
die einzelnen Unternehmen.
·
Risikostreuung für das Mutterunternehmen.
Nachteile:
·
Für die einzelnen Unternehmen besteht das Risiko des
Verkaufs durch das Mutterunternehmen.
·
Kaum Expertenwissen auf Konzernebene zur Unterstützung
der einzelnen Unternehmen.
·
Wenig Synergien zwischen den Konzernunternehmen.
·
Zentrale Kontrolle kann sich schwierig gestalten.
Welche Struktur ist
die Beste?
Diese Frage ist zweifellos nicht zu beantworten. Wie bereits
dargestellt, wird die Wahl der Unternehmensstruktur von einer Vielzahl von
Faktoren bestimmt. Es gibt kein Patentrezept nach dem „wenn ..., dann
...“-Prinzip.
Allerdings sollten bei der Entwicklung der Unternehmensstruktur einige
grundsätzliche Überlegungen beachtet werden, die sich immer wieder bewährt
haben:
·
Einfach: so einfach wie möglich, damit die Strukturen
von allen Beteiligten verstanden und genutzt werden können.
·
Kostengünstig: wenn möglich sollten komplexe
Organisationsstrukturen, wie die Matrix, vermieden werden, da sie zu erhöhten
Verwaltungs-, Koordinations- und Steuerungsaufwendungen führen.
·
Motivation: Bei geplanten Änderungen der Struktur
sollte die Motivation und Akzeptanz aller Beteiligten berücksichtigt werden.
·
Unternehmenskultur: bestehende Kulturen kollidieren
teilweise mit neuen Strukturen.
„The way we do things around here“ kann nicht über Nacht geändert werden.
© Dagmar Recklies, Mai 2001
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Literaturhinweis:
Henry Mintzberg: The Strategy Process