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Mittelstand ans Netz?
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E-Commerce wurde als das
Gelobte Land für kleine und mittlere Unternehmen beschrieben. Niemand kennt
dort die wahre Identität der Unternehmen. Das Internet ist ein Marktplatz,
auf dem die großen multinationalen Konzerne ihre Vorteile dahinschwinden
sehen. Es hat sich allerdings
bereits gezeigt, dass E-Commerce genauso schwierig ist, wie jede andere
Geschäftsaktivität. Kleine Unternehmen haben nur begrenzte Budgets und müssen
daher stärker auf einen Return on Investment achten. Die Notwendigkeit,
online zu gehen, kann zur technischen und kulturellen Herausforderung werden.[1] |
Dieses Zitat beschreibt
ziemlich genau die Situation mittelständischer Unternehmen, die
Internet-Aktivitäten planen. Das Internet verspricht große Potentiale: Zugang
zu internationalen Märkten, engere Kundenbindung, Umsatzwachstum etc. Aber es
erfordert auch den Einsatz finanzieller und zeitlicher Ressourcen,
Veränderungen in der Unternehmensorganisation und vor allem eine durchdachte
Strategie.
Die Notwendigkeit, ein
Unternehmen zumindest im Internet zu repräsentieren, wird heute kaum noch in
Frage gestellt. Das Thema wird auf einer breiten öffentlichen Basis diskutiert.
Im Sommer 2000 hat die Bundesregierung zusammen mit Vertretern der Wirtschaft
die Initiative D21 gestartet, die die „digital divide“ in Deutschland schließen
soll. Die Tageszeitung DIE WELT hat mit dem Bundesministerium für Wirtschaft
und dem Dienstleister "Wer liefert was?" die Initiative
"Mittelstand ans Netz" gestartet.
Trotzdem fühlen sich gerade
kleiner Unternehmen hin und her gerissen zwischen der allgemeinen
Aufbruchsstimmung und den Gegebenheiten des eigenen Hauses. Die Inhaber einer
als Familienbetrieb geführten Druckerei im ländlichen Raum berichteten mir
neulich, dass sie von einer Internet-Agentur angesprochen wurden und auf die
Notwendigkeit einer eigenen Webseite hingewiesen wurden. Als wichtigsten
Argument hatte die Agentur ihnen erklärt, sie können auf diesem Wege auch
überregionale Kunden erreichen, z.B. in den Großstädten im Umkreis. Der
Kommentar der Eigentümer lautete: „Was sollen wir im Internet? Was sollen wir
mit Kunden in Berlin anfangen? In unserer Branche brauchen wir direkten Kontakt
zum Kunden. Muster müssen präsentiert und besprochen werden, die fertige Ware
muss ausgeliefert oder abgeholt werde. Dafür bis Berlin zu fahren, ist einfach
nicht wirtschaftlich. Außerdem, warum soll sich ein Kunde in Berlin keine
Druckerei in Berlin suchen?“ Die Agentur hat es offensichtlich versäumt, auf
diese Frage eine überzeugende Antwort zu geben.
Dieses Beispiel führt zu
einer entscheidenden Frage für viele Unternehmer: Warum soll ein Mittelständler
„ans Netz“ gehen, auch wenn er durch die Art seines Geschäftsbetriebes gar
keine überregionalen Märkte bedienen kann oder will und der direkte
Kundenkontakt für die Geschäftsabwicklung unerlässlich ist?
Tatsächlich gibt es neben dem
gesteigerten Absatz oder Kosteneinsparungen noch weitere gute Gründe.
Die wichtigste Triebkraft,
die allerdings größenunabhängig ist, ist die externe Marktentwicklung. Viele
Unternehmen sehen sich gezwungen, entweder den Aktivitäten ihrer Wettbewerber
zu folgen oder Kundenwünschen nachzukommen. Dies wird durch eine Studie der
Tech Consult GmbH[2] bestätigt:

Eine Vielzahl von Studien hat
sich mit den Nutzeffekten des Einsatzes von E-Business-Anwendungen in
mittelständischen Unternehmen befasst. Die Ergebnisse hinsichtlich erzielter
Umsatzsteigerungen differieren dabei beträchtlich. Dies dürfte jedoch teilweise
auf die unterschiedlichen Zeitpunkte, Teilnehmergruppen und Durchführungsweisen
der Studien zurückzuführen sein.
|
Studie |
Jahr |
Anteil der Teilnehmer, die im Zusammenhang mit ihren E-Business Aktivitäten eine Umsatzsteigerung feststellten. |
|
Tech Consult GmbH |
2000 |
46 % |
|
Kurbel und Teutenberg[3] |
1997 |
21 % |
|
Europäische Kommission[4] |
1999 |
71 % |
|
2000 |
33 % |
Insgesamt berichteten die
Teilnehmer der verschiedenen Studien über eine Imageverbesserung, verbesserte
Kundenorientierung, verbesserten Marktzugang und zahlreiche Kostensenkungen
bzw. Effektivitätsverbesserungen durch ihre E-Business Aktivitäten.
Eine eigene Studie unter 156 kleinen und mittleren
Unternehmen im September 2000 führte zu folgenden Ergebnissen:
33,3 % der Teilnehmer konnten
eine Umsatzsteigerung realisieren. 23.7 % stellten keine Umsatzsteigerung fest
und 42,6 % konnten nicht eindeutig bestimmen, ob Umsatzstiegerungen auf die
E-Business-Aktivitäten zurückzuführen waren. Von den Teilnehmern, die eine
Umsatzsteigerung erhielt hatten, wies die Mehrheit nur geringe Umsatzerhöhungen
aus:

Weiterhin wurden die
Teilnehmer gebeten, aus einer vorgegebenen Liste möglicher Nutzeffekte die auf
ihr Unternehmen zutreffenden auszuwählen.


Im Durchschnitt benannten die
Teilnehmer rd. acht verschiedene Nutzeffekte aus dem Informationsangebot ihres
Unternehmens im Internet und rd. sechs verschiedene Nutzeffekte aus der
Informationsbeschaffung im Internet.
Eine wesentliche Erkenntnis
aus der Studie ist, dass diejenigen Unternehmen, die bereits
überdurchschnittlich lange über eine eigene Homepage verfügen (d.h. seit 1997
oder früher), tendenziell mehr Umsatzsteigerungen sowie mehr verschiedne
Nutzeffekte realisieren konnten. Weiterhin stellten die Unternehmen mit
längeren Erfahrungen im Internet tendenziell eine größer Anzahl an
Informations- und Leistungsangeboten auf ihrer Webseite zur Verfügung. Dabei
war wiederum ein enger Zusammenhang zwischen der Anzahl der angebotenen
Leistungen/Informationen und den realisierten Nutzeffekten erkennbar. Auch die
Integration der Internet-Aktivitäten in andere Geschäftsprozesse (Vorgangsanstoß
und -abwicklung, Prozessschnittstellen, Informationskooperation) stand im
Zusammenhang mit dem zeitlichen Beginn der Internet-Nutzung und den
realisierten Nutzeffekten.
Im Ergebnis ließ sich
feststellen, dass die Unternehmen bei der Nutzung des Internet für betriebliche
Zwecke offensichtlich eine Erfahrungskurve durchlaufen. Die Aussagen deuten
darauf hin, dass viele Unternehmen zunächst mit einer kleinen Lösung, z.B.
Webseite mit einfacher Unternehmenspräsentation, beginnen, und diese dann
schrittweise ausbauen. Diese Strategie hat zwei Vorteile:
· Das Investitionsvolumen kann den Unternehmensverhältnissen angepasst und nach Bedarf über einen längeren Zeitraum verteilt werden.
· Die Internet-Aktivitäten wachsen entsprechend den eigenen Erfahrungen. Dies erlaubt eine kontinuierliche Ausrichtung des Internet-Angebotes auf tatsächlich sinnvolle Lösungen sowie externe und interne Erfordernisse. Das Unternehmen kann Entscheidungen über weiterführende Investitionen auf diesem Gebiet auf Basis eigener Erfahrungen und mit größerer Planungssicherheit treffen.
Die entscheidende
Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Vorgehensweise ist, dass die eigenen
Aktivitäten und Angebote im Internet einer ständigen kritischen Beobachtung
bedürfen. In der Internet-Wirtschaft ändern sich Technologien und
Geschäftsmodelle in nie da gewesenem Tempo. Die schrittweise Entwicklung einer
umfassenden und erfolgreichen E-Business-Lösung für ein Gesamtunternehmen erfordert
den kontinuierlichen Abgleich mit den Möglichkeiten und Erfordernissen des
Marktes als externe Faktoren und den Bedürfnissen und Fähigkeiten des
Unternehmens als interne Faktoren. Auf Basis dieser Erkenntnisse müssen die
eigenen Angebote tatsächlich weiter ausgebaut und aufgewertet werden.
Diese Weiterentwicklung
bedeutet nicht notwendig ständige Investitionen in zusätzliche Hardware und
Software. Hier sind auch regelmäßige Aktualisierungen der Webseite oder
Modifizierungen ihrer Inhalte/ihres Aufbaus entsprechend dem Feedback von
Geschäftspartnern und Mitarbeitern von Bedeutung.
Unternehmen, die sich für den
Aufbau von E-Business-Aktivitäten entscheiden, müssen sich darüber im Klaren
sein, dass diese zunächst ein Aufwandsfaktor sein werden. Umsatzsteigerungen
und Rationalisierungseffekte werden sich in den meisten Fällen erst allmählich
einstellen.
Die vage Hoffnung auf spätere
Rationalisierungseffekte und ein modernes Image allein wird jedoch kaum einen
Unternehmer überzeugen, die Investition E-Business einzugehen. Die Frage der
kleinen Druckerei „Was sollen wir im Internet?“ ist damit wohl nicht
beantwortet. Trotzdem können die obigen Erkenntnisse Unternehmen in einer
solchen Situation eine Hilfestellung geben:
Momentan ist ein Internetauftritt
nicht für jeden Kleinunternehmer erforderlich. Noch nicht. Genau so lange, wie
die Mehrzahl der Verbraucher/Kunden einen Lieferanten/Anbieter über Messen,
Branchenbücher und ähnliche traditionelle Quellen sucht, wird das auch so
bleiben. Im Hinblick auf steigende Nutzerzahlen des Internet, sinkende
Onlinekosten und preiswertere Hardware ist jedoch damit zu rechnen, dass das
Internet mittelfristig für die große Mehrheit der Privat- und Firmenkunden zum
wichtigsten Kontakt- und Informationsmedium wird. Genau dann, wenn ein
potentieller Kunde nicht mehr in den Gelben Seiten, sondern im Internet nach
einer Druckerei sucht, wird eine attraktive Homepage auch für ein
Kleinunternehmen zur existenziellen Notwendigkeit.
Oben wurde dargestellt, dass
die Entwicklung gut funktionierender, erfolgreicher E-Business-Aktivitäten Zeit
und Erfahrung benötigt. Daher ist es jedem Unternehmen zu empfehlen, diesen
Schritt schon jetzt zu tun. Dies bietet die Chance, mit den Möglichkeiten des
Internets zu wachsen und dann, wenn es nötig ist, eine professionelle Lösung
zur Verfügung zu haben.
© Dagmar Recklies, Januar
2001
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[1] In Anlehnung an Vernon, M. 1999. Size isn’t everything. Computer
Weekly. 28.10.1999, S. 56