Erfolg braucht den Erfolg
von Karl Heinz Lorenz
Täglich wird mit Hingabe über die negativen Folgen der Krise berichtet, über
negative Auswirkungen diskutiert, Ängste und trübe Aussichten ausführlich
dargelegt. Mit deutlich weniger Überzeugungskraft erreichen uns Nachrichten über
Fortschritte und Erreichtes. Beinahe, als wäre es unanständig, das Banner des
Erfolgs mit Freude hochzuhalten, während drum herum so Manches in die Brüche
geht. Doch genau das ist notwendig. Nichts nährt den Erfolg so sehr, wie er sich
selbst.
Gipfelstürmer
Eine Seilschaft beschließt: Diesen Berg erklimmen wir! Man bereitet sich vor und
macht sich auf den Weg. Trotz Schweiß und Mühe scheitert der Aufstieg auf halbem
Weg. Resigniert aufgeben? Keineswegs. Das Team erkennt, welche Fehler gemacht
wurden, was noch nicht professionell vorbereitet und nicht trainiert war, und
geht erneut an das Vorhaben. Beim zweiten Versuch wird der Gipfel fast erreicht,
aber kurz vorher schlägt das Wetter um, und auch dieser Weg führt ohne den Sieg
über den Berg wieder nach unten. Erst beim dritten Anlauf passt dann alles. Die
Tour ist nun klasse vorbereitet, die Seilschaft hält zusammen, gibt wirklich
alles und steht endlich, mit müden und trotzdem von innen heraus strahlenden
Gesichtern auf dem Gipfel. Obwohl erschöpft und strapaziert, mit müden Gliedern
und zerschundenen Händen – jetzt scheint alles möglich. Dieses wunderbare
Gefühl, ganz man selbst sein zu können, die eigene Leistungsfähigkeit komplett
ausgekostet und die Erfahrung, bisherige Grenzen überwunden zu haben, ist einer
der stärksten Impulse für erfolgreiche Menschen. Und genau diese braucht die
Wirtschaft in der aktuellen, grässlichsten Krise seit Jahrzehnten.
Führungsangelegenheiten
Unternehmenslenker und Teamleiter sollten sich trotz dunkler Zeiten und erhöhtem
Stresspegel der Erkenntnisse von Frederick Herzberg[1]
erinnern: Die beiden stärksten Motivatoren in der Arbeit: Erfolgserlebnisse und
Anerkennung. Darüber hinaus suchen Menschen, besonders in Krisensituationen,
eine klare Orientierung, klare Ziele und Sicherheit. All dies sollte und muss in
der Krise von Führungskräften aktiv geleistet werden. Unternehmen und
Mitarbeiter, so meine ganz persönliche Meinung, haben sogar ein Anrecht auf ein
gutes Geleit durch die Unbillen einer Krise hindurch. Die Priorität liegt dabei
klar auf dem Erhalt der gemeinsamen Sache, des Unternehmens als solchem.
Mehrheitsinteressen liegen dabei vor Einzelinteressen.
Doch zurück zur praktischen Umsetzung. Wenn Erfolgserlebnisse Leistung fördern,
dann sind die Umstände so zu gestalten, dass Erfolg möglich ist. Die Krise
selbst, die Umwelt kann ein Einzelunternehmen kaum beeinflussen. Doch haben wir
Einfluss beispielsweise auf Zielvorgaben, Arbeitsverteilung und den zeitlichen
Rahmen. Erfolgserlebnisse schaffen wir, in dem wir Ziele für kurzfristigere
Etappen setzen und die Messlatte anspruchsvoll (immer in Relation zum Markt
gesehen) jedoch für die Mitarbeiter überschreitbar legen.
Wenn Leistung fließt: Flow
Unter den positiven Gemütszuständen findet sich ein besonderer Begriff, der Flow[2].
Das Besondere daran: im Flow sind wir in der Lage unsere individuell höchste
Leistung abzurufen, ohne dabei in Gefahr zu geraten, uns, anderen oder der
Sache, mit der wir beschäftigt sind, aus Stress heraus zu schaden. Die
Kennzeichen von Flow bilden zugleich den Weg hinein in diesen besonders
erstrebenswerten Gemütszustand. Hier einige wichtige: Wir sind ganz eins mit der
Sache, an der wir arbeiten. Wir fühlen uns nicht gestört oder abgelenkt. Wir
fühlen uns herausgefordert und strengen uns an. Für Führungskräfte bedeutet
dies, ihren Mitarbeitern, Einzelpersonen wie auch Teams, die Rahmenbedingungen
für Flow so oft es nur geht, zu schaffen. Doch Mitarbeiter sind auch selbst
gefragt, etwas für den eigenen Flow beizutragen. Insbesondere die Konzentration
auf das Wesentliche immer wieder beherzigen, Ablenkungen (auch private) nicht
noch selbst herbei zu führen und sich wirklich anstrengen. Anstrengung ist gut!
Denken wir dabei an die Gipfelstürmer unserer Seilschaft aus dem Eingangsabsatz.
Nur unter echter Anstrengung erfahren wir unsere tatsächliche
Leistungsfähigkeit, können Grenzen antasten und sogar sprengen.
Erfolg darf gezeigt werden
Was wäre die schönste Leistung, ohne dass sie bemerkt würde? Und warum
verstecken, was noch mehr anspornt, wenn es gesehen und geteilt wird? Während
schlechter Zeiten wird mindestens doppelt soviel gejammert, wie in anderen.
Dabei wäre bereits die Hälfte davon mehr als verträglich fürs Gemüt. Also raus
aus dieser Opferhaltung! Leistung darf gezeigt werden und gute Ergebnisse doch
erst recht. Damit die positive, motivierende Wirkung nicht nur auf den
ausstrahlt, der sich im Licht der Anerkennung befindet, sollten Führungskräfte
darauf achten, dass Erreichtes, auch in Etappenzielen, sichtbar wird. Wenn Sie
klar definierte (und realistisch erreichbare) Geschäftsziele mit Ihren
Mitarbeitern anstreben, so visualisieren Sie jederzeit den Stand der Dinge.
Geben Sie den Beteiligten die Möglichkeit, sich jederzeit daran zu orientieren.
So ist immer deutlich, was wurde schon erreicht und was fehlt noch, um die
Ziellinie gemeinsam zu überschreiten. Definieren Sie Etappenziele auf dem Weg
zum Finale, damit jeder Teilzielerfolg zur Motivation und weiteren
Leistungsstimulation genutzt werden kann. Hohe Leistung und hohes Engagement
darf stolz machen, stets ohne andere auszugrenzen, die trotz Anstrengung noch
zurückliegen. Spornen Sie dagegen Leistungsträger an, Kolleginnen und Kollegen
mitzuziehen, um gemeinsam noch mehr zu erreichen. Arbeiten Sie dabei
beispielsweise mit dem Vergleich zur Seilschaft: Alleine und ohne Hilfe mögen
wir vielleicht noch gut den Donnersberg erklimmen, doch gemeinsam und in
gegenseitigem Vertrauen schaffen Menschen auch die allerhöchsten Gipfel.
Souveräne, uneitle Führungskräfte achten darüber hinaus darauf, von Mitarbeitern
persönlich gezeigte Leistungen auch ganz persönlich rückzumelden. Versachlichen
und distanzieren Sie Leistung nicht. Nur halb richtig: „Das Unternehmen dankt
Ihnen.“ Ganz richtig: „Ich danke Ihnen.“ Ein für zurückhaltende, etwas
distanzierte Manager vielleicht skurril anmutendes Beispiel aus der Praxis.
Während eines Arbeitsbesuchs bei einem Managementkollegen in einer englischen
Schwesterfirma des Unternehmens, für das ich zu diesem Zeitpunkt arbeitete,
erlebte ich folgende Szene: Der Vertriebsleiter, mit dem ich verabredet war,
wusch auf dem Firmenhof im Blaumann das Auto eines Mitarbeiters seines Teams.
Ich staunte ein wenig und wurde auf Nachfrage dazu aufgeklärt. Der
Vertriebsleiter hatte folgenden Deal mit seinem Team: Am Ende jeder Arbeitswoche
des Aktionszeitraumes wusch er ganz persönlich dem Erfolgreichsten im Team das
Auto. Und das Auto des Vertriebsleiters? Das wusch der am wenigsten Erfolgreiche
einer Woche. Fair ist Fair, das sehen Engländer ganz sportlich und das ist gut
so! Undenkbar für Sie? Dann denken Sie doch bitte über folgende Frage nach: Wenn
wir immer nur tun, was wir immer getan haben, können wir dann ernsthaft mehr
erwarten, als üblich? Besondere Leistungen und höchste Motivation? Jederzeit
möglich. Gerade jetzt.
Zum Autor:
Karl Heinz Lorenz (47),
Diplom Betriebswirt (DH), Trainer und Dozent ist Inhaber
von
LORENZ-SEMINARE Weidenthal/Pfalz.
Kontakt/Info:
Telefon 0049(0)6329.989243
Fax 0049(0)6329.989430
E-Mail khl@lorenz-seminare.de
Web www.lorenz-seminare.de
[1] Dr. Frederick Irving Herzberg, 1923-2000, Professor
für Arbeitswissenschaft und Psychologie
[2] Mihály Csíkszentmihályi (Professor für Psychologie,
Chicago): Flow im Beruf