Das kulturelle Web – Analyse
der Grundlagen der Unternehmenskultur
Die Umsetzung neuer Strategien oder wichtiger
Veränderungsprogramme scheitert häufig nicht zuletzt an der
ungenügenden
Beachtung der kulturellen Wurzeln eines Unternehmens. Gezielte Veränderungen
der Unternehmenskultur sind stets ein kompliziertes Vorhaben. Denn gerade der
Umgang mit kulturellen wie „innenpolitischen“ Traditionen, Denk- und
Handlungsweisen erfordert viel Fingerspitzengefühl, da gerade die über lange
Jahre gewachsenen Grundlagen der Unternehmenskultur nicht offensichtlich in
Unternehmensbroschüren, Mission-Statements, Handbüchern o.ä. manifestiert sind.
Sie finden ihren Ausdruck vielmehr in der Art, wie bestimmte Dinge angegangen
werden sowie in den internen Umgangsformen und Sichtweisen.
Das Kulturelle Web ist eine Darstellung
dieser grundlegenden Annahmen und Paradigmen, die eine Unternehmenskultur
bestimmen, sowie der physischen Auswirkungen der Kultur.

Die äußeren Kreise stellen die einzelnen
Annahmen dar, die die kulturellen Paradigmen des Unternehmens prägen.
Die Paradigmen sind die Grundannahmen der
Menschen über das Unternehmen dar. (z.B. Orientierung an Gesichtspunkten wie Service,
Nutzen für die Allgemeinheit, Gewinn und Profitabilität, Soziale Aspekte,
Umweltschutz, Wertschätzung des vorhandenen Know-How etc.)
Routinen beschreiben „wie wir die
Dinge hier tun“. Sie bestimmen, wie die Menschen sich gegenüber anderen
Personen innerhalb und außerhalb des Unternehmens verhalten (kooperativ,
partnerschaftlich, hierarchisch, bürokratisch etc.). Solche Routinen können
eine wichtige Voraussetzung für das effektive Funktionieren von
Unternehmensprozessen sein. Werden jedoch bestimmte Handlungsweisen als
selbstverständlich vorausgesetzt, können diese zu Problemen bei
Veränderungsvorhaben führen.
Rituale umfassen weitere Aspekte
des Lebens innerhalb des Unternehmens. Sie betreffen relativ formelle Prozesse
(z.B. Trainingsprogramme, Promotionsprozesse, Betriebsausflüge, fest terminierte
Teamkonferenzen) ebenso wie informelle Gewohnheiten (z.B. der gemeinsame
Kneipenbesuch nach Feierabend, die Plauderrunde in der Kaffeeküche).
Routinen und Rituale bieten die Menschen in
Unternehmen Orientierungspunkte, nach denen sie ihr Verhalten ausrichten und an
die allgemein akzeptieren Normen anpassen können.
In und über wohl jedes Unternehmen kursieren Stories,
die bei passender Gelegenheit – z.B. bei Eintritt eines neuen Mitarbeiters –
häufig wieder erzählt werden. Diese Geschichten reflektieren die Geschichte des
Unternehmens, oft wichtige Ereignisse oder besondere Persönlichkeiten. Sie
stellen aber auch Episoden aus dem Alltag dar, die Hinweise auf die Kultur im
Umgang miteinander geben. Dadurch bilden die Stories auch eine Art informelle
Legitimation für bestimmte unternehmenstypische Verhaltensweisen. Sie werden – bewusst
oder unbewusst – als Mittel benutzt, anderen zu beschreiben, was im Unternehmen
wichtig ist.
Symbole repräsentieren ebenfalls
charakteristische Eigenschaften des Unternehmens. Sie umfassen u.A. Logos,
Büros, Firmenwagen, Titel oder den firmeninternen Sprachgebrauch einschließlich
der typischen Terminologie.
Beispielsweise sind in stark hierarchisch
aufgebauten Unternehmen typischerweise Symbole zur Abgrenzung der einzelnen
Ebenen wie Titel, Kompetenzgrenzen,
Bürogröße und –ausstattung und Privilegien anzutreffen. In Unternehmen, die
eine Vielzahl solcher Symbole aufweisen, dürfte bei der Umsetzung von Strategien,
die eine Neuausrichtung auf flachere Organisationsstrukturen und mehr
Eigenverantwortung des Einzelnen abzielen, mit besonderen Schwierigkeiten zu
rechnen sein.
Die internen Machtstrukturen geben
ebenfalls Aufschlüsse über das Selbstverständnis des Unternehmens. Die
einflussreichsten Personen und Gruppen innerhalb des Managements stehen häufig
in engem Zusammenhang mit den Grundannahmen über die Wurzeln des
Unternehmenserfolges. Die großen Wirtschaftsprüfungs- und
Unternehmensberatungsgesellschaften sind dafür ein anschauliches Beispiel. Ihre
Ursprünge liegen i.d.R. in der Wirtschaftsprüfung. Obwohl sie aufgrund der
Veränderungen im Marktumfeld heute eine breite Palette ergänzender
Beratungsleistungen anbieten, die in hohem Maße zum Unternehmenswachstum und –erfolg
beitragen, findet man auch heute noch im Top-Management und unter den Partnern
einen überproportional hohen Anteil an Wirtschaftsprüfern.
Diese Machtstrukturen spiegeln sich auch in
den Organisationsstrukturen wieder. Auch diese bilden tragende
Beziehungen und die Wurzeln des Unternehmenserfolges ab. Des weiteren kann aus
dem Grad an Komplexität, Formalität, Hierarchie und Zentralisierung der
Unternehmensstrukturen abgeleitet werden, auf welche Widerstände weitreichende
Veränderungsvorhaben stoßen dürften.
Als Kontrollsysteme sind unter dem Gesichtspunkt
der Unternehmenskultur insbesondere Messgrößen und Entlohnungs- bzw.
Bonussysteme von Bedeutung. Sie geben Hinweise darauf, was im Unternehmen als
wichtig angesehen wird (z.B. individuelle Leistungsprämien vs. Teamboni,
Orientierung von Prämien an Mengen vs. Qualitätsniveau vs. Kundenzufriedenheit
etc). Öffentliche Unternehmen stehen beispielsweise in dem Ruf, mehr Augenmerk
auf die Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel zu legen, als auf die
Qualität und Bedarfsgerechtigkeit ihrer Leistungen.
Mit Hilfe des kulturellen Web können somit
kulturell bedingte Blockaden und Triebkräfte im Unternehmen identifiziert
werden. Dadurch wird dieses Modell zu einem wichtigen Hilfsmittel bei der
konkreten Umsetzungsplanung von Veränderungsvorhaben. Es zeigt sowohl, welche internen
Hindernisse zu berücksichtigen sind, als auch, welche Faktoren sich förderlich auswirken
und daher entsprechend eingebunden werden sollten.
Eine weitere Anwendung ist die Ermittlung notwendiger
Veränderungen in der herrschenden Unternehmenskultur. Dazu wird die aktuell
bestehende Ausprägung des kulturellen Web mit dem Idealzustand verglichen, den die
Unternehmenskultur für das Erreichen bestimmter strategischer Zielsetzungen
aufweisen muss. Die Abweichungen geben Aufschluss über Gebiete, auf denen mit
mehr oder weniger hoher Priorität Veränderungen herbeigeführt werden müssen.
Die nachfolgende Tabelle gibt Anregungen zu
Fragestellungen, die bei der Analyse des kulturellen Web für ein Unternehmen
hilfreich sind. Dabei ist zu beachten, dass weniger die Antworten einzelner
Personen als das Gesamtbild des Unternehmens relevant ist.
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Routinen und Rituale
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·
Welche Routinen
werden besonders betont?
·
Welche
Verhaltensweisen werden durch diese Routinen gefördert?
·
Was sind die
wichtigsten Rituale und welche Werte repräsentieren sie?
·
Welche Werte und
Verhaltensweisen fördern die internen Trainingsprogramme?
·
Wie schwer ist es
Routinen und Rituale zu ändern?
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Stories
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·
Welche Werte
spiegeln sich in den Geschichten wieder?
·
Beziehen sich die
Geschichten auf
o
Stärken oder
Schwächen?
o
Erfolge oder
Misserfolge?
o
Konformität oder
Ausbrecher?
·
Wer sind die
Helden und Verlierer?
·
Von welchen Normen
weichen die Ausbrecher ab?
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Symbole
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·
Welche Sprache und
Begriffe werden verwendet?
·
Wie zugänglich
sind diese sprachlichen Codes für Außenstehende?
·
Welche Aspekte der
Strategie werden öffentlich hervorgehoben?
·
Welche Statussymbole
(offizielle und informelle) gibt es?
·
Gibt es besondere
unternehmenstypische Symbole?
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Machtstrukturen
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·
Welche Werte bestehen
im Zusammenhang mit Führung und Leitung?
·
Wie stark sind
diese Werte?
·
Wie ist die Macht
innerhalb des Unternehmens verteilt?
·
Welches sind die
wichtigsten Blockaden für Veränderungen?
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Organisationsstrukturen
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·
Wie flach oder
hierarchisch sind die Strukturen?
·
Wie formell oder
informell sind die Strukturen?
·
Fördern die
Strukturen Zusammenarbeit oder internes Konkurrenzdenken?
·
Welche
Machtstrukturen werden durch die bestehenden Strukturen unterstützt?
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Kontrollsysteme
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Was wird am
genauesten überwacht und kontrolliert?
·
Liegt der
Schwerpunkt auf Belohnung oder Strafe?
·
Ergeben sich die
Kontrollsysteme historisch oder aus der aktuellen Strategie?
·
Wie viel Kontrolle
und Überwachung gibt es?
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© Dagmar Recklies, Oktober 2001
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Literatur:
Eine detailliertere Beschreibung des Cultural
Web findet sich in dem Artikel „Managing Strategic Change: Strategy, Culture
and Action“ von G. Johnson (In: Long Range Planning, No. 1/1992, S. 28-36)