Dem Kunden
ganz nah
von Anne M. Schüller
Aspekte einer
kundenfokussierten Unternehmensführung
Wer
sich mit Führungskräften unterhält, hört viel über Effizienzoptimierung,
Kostensparen, Dauermeetings und die Tücken der Konkurrenz. Selten hört man
etwas über die Kunden. Viele kennen diese nur noch aus Budgetbesprechungen und
Marktforschungsberichten. Doch Hörensagen reicht nicht. Wer wissen will, was
Kunden wirklich brauchen, wie sie ticken, was sie eigentlich mögen und
wie man sie zum Kaufen-wollen bringen kann, der gehe öfter mal raus und rede
mit ihnen! Von Kunden kann man eine Menge lernen.
Kundenfokussiert statt prozessfixiert
Die
knappste Ressource im Unternehmen ist nicht das Kapital, sondern es sind die
Führungskräfte, die kundenfokussiert denken und handeln. Die so vehement
geforderte Kundenorientierung kann allerdings nicht durch standardisierte
Prozesse, dicke Handbücher und Betriebsanweisungen entstehen. Und auch nicht
durch teure CRM-Software. Sie findet vielmehr freiwillig in den Köpfen und
Herzen der Mitarbeiter statt.
Deren
Wollen lässt sich nur in Spiel-Räumen entfalten und eben nicht durch Regeln
erzwingen. Feste Standards sichern zwar das Serviceniveau nach unten ab, lassen
aber kaum Bewegungsfreiheit, außer der Reihe und über die Norm hinaus kundenfreundlich
zu agieren. So erstarrt alles im Zwangskorsett der Mittelmäßigkeit. Nur:
Mittelmäßigkeit will heute niemand mehr kaufen. Es ist also wichtig,
Möglichkeitsräume nach oben zu schaffen. Hierbei vonnöten sind ein kundennahes
Management und
auch ein neuer Führungsstil: die kundenfokussierte Mitarbeiterführung.
Ferner
müssen sich ohne Ausnahme alle Unternehmensbereiche deutlich stärker
miteinander vernetzen, um abteilungsübergreifend das ganze Unternehmen und
jeden einzelnen Mitarbeiter auf die Kunden auszurichten. Das hört sich banal
an, ist es aber nicht. Viel zu oft wird den Kunden immer noch erklärt, wie die
Dinge zu laufen haben, wer für sie zuständig ist, dass man dieses zu tun und
jenes zu lassen hat. Und so ergreifen sie panisch die Flucht. Die Wechselfreude
ist so groß wie nie – und in den meisten Fällen hausgemacht.
Was Kundenfokussierung heute bedeutet
Kundenfokussierung
heißt, alle Ressourcen des Unternehmens auf das zu konzentrieren, was
für dessen Fortbestand am wichtigsten ist: die Kunden. Dies bedeutet, die
Perspektive zu wechseln, von außen nach innen, also vom Kunden her zu denken.
Alles wird aus dem Blickwinkel des Kunden betrachtet. Denn ob die Unternehmen
wollen oder nicht: Der Kunde hat heute das Sagen. Er wandelt sich vom passiven
Zielobjekt zum hoch vernetzten, bestens informierten, kritischen,
emanzipierten, aktiven Marktgestalter und Kaufverhaltensbeeinflusser.
So
gilt es also, sich aus der Selbstzentrierung zu lösen und die Bühne
freizuräumen vom Ego der Manager. Ins Scheinwerferlicht gehören vielmehr die
Probleme, Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Träume der Kunden. Was der Kunde
will, wird gemacht! Mit der Präzision eines Laserstrahls wird gesucht und
gefunden, was beim Kunden Bleibe-Freude, Immer-wieder-Kauflust
und Empfehlungsbereitschaft weckt.
Grundvoraussetzung
für all dies sind reale Kundennähe und eine kompromisslos
kundenfokussierte Einstellung des Managements. Hierzu lassen sich – neben vielem anderen - im
Unternehmen fünf Aspekte (neu) gestalten:
·
Ein CCO (Chief
Customer Officer) ist Mitglied der Geschäftsleitung.
·
Der Kunde
hält Einzug ins Organigramm.
·
Die
Führungsmannschaft geht (wieder) Kunden besuchen.
·
Der Kunde
erhält den besten Platz im Meeting: TOP 1 auf der Agenda.
·
Die
Mitarbeiter werden kundenfokussiert geführt.
Schauen
wir uns die einzelnen Punkte ein wenig genauer an.
CCO statt S&M
Selbst
die, die sich Kraft ihres Amtes um die Kunden kümmern sollten, sind meistens
mit sich selbst beschäftigt.
Vertriebsmitarbeiter verbringen, so sagen internationale Effizienzstudien von Proudfoot
jedes Jahr aufs Neue, im Schnitt nur 20 Prozent ihrer Arbeitszeit im aktiven Verkauf.
Das Marketing hat, um seine
Existenz zu rechtfertigen, vor allem Controlling zu betreiben und Return on
Investment zu beweisen. Die
Zahlenhörigkeit in vielen Führungsgremien ist geradezu absurd. Der
Bekanntheitsgrad der Marke sinkt? Eine mittlere Katastrophe! Wie man das
Empfehlungsgeschäft steuert? Oder verlorene Kunden zurück gewinnt? Keine
Ahnung!
Kunden
lassen sich nicht länger an Sales & Marketing wegdelegieren. Sie gehen Jeden
im Unternehmen an. Ihre Interessen müssen in eine Hand - und das an oberster
Stelle. Analog dem CFO (Chief Financial Officer) brauchen Unternehmen einen CCO
(Chief Customer Officer) in der Geschäftsleitung bzw. am Vorstandstisch. Er
trägt das Wort Kunde im Namen. So ist er der 'Advokat der Kunden', der deren
Interessen mit Leidenschaft vertritt und alle im Unternehmen infiziert, das
gleiche zu tun. Er ist bei jeder strategischen Entscheidung zwingend zu hören.
Seine
Hinweise klingen in etwa wie folgt: „Hilft das, was wir da vorhaben, unsere
Kundenziele zu erreichen?“ Und: „Werden unsere Kunden uns dafür lieben oder
hassen – denn sie entscheiden ja emotional.“ Und: „Ermöglicht dies, dauerhafte
Kundentreue und positive Mundpropaganda zu generieren?“ Seine erste
Amtshandlung: Der Kunde hält Einzug ins Organigramm und bekommt den besten
Platz im Meeting: TOP 1 auf der Tagesordnung. Denn: Die einzigen, die das
Überleben eines Unternehmens auf Dauer sichern, sind dessen Kunden.
Der Kunde im Organigramm
Kundenfokussierung
muss zunächst nach innen gelebt werden. Das reibungslose Zusammenspiel der
internen Leistungskette erfordert im Interesse guter Kundenbeziehungen, von
Ressort-Denken, innerbetrieblicher Konkurrenz und Profit-Centern endlich
Abschied zu nehmen. Denn all dies fördert nur den Abteilungsegoismus und dient
nicht dem Kunden. Der merkt jedenfalls sehr schnell, wenn ein Unternehmen nicht
wie aus einem Guss funktioniert.
Um
den heutigen Kundenanforderungen gerecht werden zu können, müssen sich viele
Unternehmen allerdings erst noch massiv entbürokratisieren. Klassische
Befehl-Gehorsam-Hierarchien und Kommunikationsstrukturen nur über den direkten
Vorgesetzten sind viel zu schwerfällig, zu langsam und zu spröde. In flachen,
flexiblen, dynamischen Hierarchie-Systemen und kleinen Einheiten lassen sich
sehr viel schnellere Erfolge erzielen.
Wer diesbezüglich an seinem
Organigramm arbeiten möchte: Stellen Sie Ihres doch mal auf dem Kopf: Die
Unternehmensleitung unten, den Kunden ganz oben. Oder besser noch: Um das
hierarchische oben und unten endlich wegzukriegen und ein partnerschaftliches
und partizipative Miteinander zu signalisieren, kann man es auch von links nach
rechts versuchen: Links steht das Management, rechts der Kunde. Eines ist in
kundenfokussierten Unternehmen jedenfalls immer gegeben: Der Kunde kommt im
Organigramm vor.
Hierbei
kann es – zumindest in großen Unternehmen - dann auch nützlich sein, sich auf
seine jeweiligen Kundenkreise ausgerichtet neu zu organisieren. So können statt
der üblichen Abteilungen Unternehmenseinheiten und Bereiche gebildet werden,
die alle notwenigen Positionen beinhalten: Produktentwicklung, Einkauf,
Produktion, Logistik, Marketing, Innendienst, Außendienst, Kundendienst, Personalentwicklung,
Buchhaltung, Controlling usw. für Kundengruppe 1, das gleiche für Kundengruppe
2 und so fort.
Hierdurch
lassen sich die jeweils kundenspezifischen Gegebenheiten besser berücksichtigen
und alle in der Einheit teilen ein gemeinsames Ziel: exzellente Ergebnisse mit
ihrer Kundengruppe zu erreichen. Ein solcher Ansatz tritt (hoffentlich) dann
auch die richtigen Fragen los: Was bedeutet das nun für uns? Was wollen und
müssen wir ändern? Gerade in kundenfernen Abteilungen wird ja immer noch allzu
häufig aus einer Innensicht heraus agiert. Da zählt, was machbar ist und nicht,
was Kunden wünschen. Kunden sollen gehorchen, sich nicht so anstellen und
parieren.
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